„Wir müssen verstehen, wie er das macht“: die außergewöhnliche Langlebigkeit der Nacktmull, eine Hoffnung für die Wissenschaft?

Ein kleines, faltiges Nagetier, das in unterirdischen Gängen lebt, könnte den Schlüssel zu einem Leben ohne Altern und Krankheit in sich tragen. Es kann fast 40 Jahre alt werden, bekommt praktisch nie Krebs und spürt nicht einmal bestimmte Arten von Schmerz. Das klingt wie Science-Fiction, ist aber die Realität des Nacktmulls und stellt die Biologie, wie wir sie kennen, auf den Kopf. Deutsche Forscher sind diesem Rätsel auf der Spur und versuchen zu verstehen, wie dieses außergewöhnliche Geschöpf die grundlegendsten Gesetze des Lebens außer Kraft setzt.

Ein Wesen, das die Regeln der Natur bricht

Dr. Lena Schmidt, 42, Biologin am Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena, erinnert sich an ihre erste Begegnung mit den Zellen des Tieres. „Als ich zum ersten Mal ihre Zellproben unter dem Mikroskop sah, konnte ich es nicht fassen. Es war, als würde man auf eine biologische Unmöglichkeit blicken, eine perfekte Stabilität über Jahre hinweg.“ Ihre Faszination ist verständlich, denn dieses Nagetier ist eine biologische Sensation.

Ein soziales Leben wie bei den Bienen

Auf den ersten Blick ist der Nacktmull, wissenschaftlich Heterocephalus glaber, keine Schönheit. Seine rosa, haarlose und faltige Haut sowie die riesigen, hervorstehenden Schneidezähne haben ihm den Spitznamen „Wurst mit Schneidezähnen“ eingebracht. Ursprünglich in den trockenen Wüsten Ostafrikas beheimatet, lebt dieses faszinierende Nagetier in komplexen unterirdischen Bauten. Doch sein Aussehen ist bei weitem nicht das Erstaunlichste an ihm.

Was dieses kleine Säugetier wirklich einzigartig macht, ist seine soziale Organisation. Ähnlich wie bei Bienen oder Ameisen lebt es in Kolonien, die von einer einzigen Königin regiert werden. Sie ist die Einzige, die sich fortpflanzt, während die anderen Mitglieder der Kolonie als Arbeiter oder Soldaten dienen. Diese eusoziale Struktur ist bei Säugetieren extrem selten und zeigt, wie besonders dieser Organismus ist.

Das Geheimnis ewiger Jugend in seinen Zellen

Die wahre Superkraft dieses unterirdischen Methusalems liegt in seiner unglaublichen Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit. Während eine Maus, ein genetisch naher Verwandter, kaum drei Jahre alt wird, kann dieses Nagetier eine Lebensspanne von über 37 Jahren erreichen. Das ist, als ob ein Mensch 120 Jahre alt werden würde, und das bei bester Gesundheit. Der Alterungsprozess scheint an diesem Wesen, das die Zeit austrickst, einfach spurlos vorüberzugehen.

Eine Festung gegen Krankheiten

Noch erstaunlicher ist seine Resistenz gegen die typischen Geißeln des Alters. Krebs, eine der häufigsten Todesursachen bei vielen Säugetieren, wurde bei diesem Nagetier so gut wie nie beobachtet. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder neurodegenerative Leiden scheinen ihm fremd zu sein. Dieser kleine Superheld der Wissenschaft besitzt offenbar einen biologischen Schutzschild, der ihn vor den schlimmsten Krankheiten bewahrt.

Die Forschung konzentriert sich auf die zelluläre Ebene, um dieses Phänomen zu verstehen. Die Haut eines fünfjährigen Tieres ist von der eines zwölfjährigen nicht zu unterscheiden. Der Grund dafür scheint in den Stammzellen zu liegen. Bei den meisten Lebewesen erschöpft sich der Vorrat an Stammzellen, die für die Regeneration von Gewebe verantwortlich sind, mit der Zeit. Doch bei diesem kahlen Höhlenbewohner bleibt dieser Vorrat anscheinend intakt und voll funktionsfähig, ein Leben lang.

Deutsche Forschung an der vordersten Front

In Deutschland steht das Leibniz-Institut für Alternsforschung (FLI) in Jena an der Spitze der Erforschung dieses faszinierenden Nagetiers. Hier versuchen Wissenschaftler, die molekularen Mechanismen zu entschlüsseln, die diesem Meister der Langlebigkeit seine Fähigkeiten verleihen. Sie untersuchen alles, von seiner einzigartigen DNA-Reparatur bis hin zu speziellen Proteinen in seinem Körper.

Ein Rätsel bis zum Schluss

Ein vielversprechender Ansatzpunkt ist eine besondere Form der Hyaluronsäure, die in der Haut des Tieres in hoher Konzentration vorkommt. Diese Substanz, die bei Menschen in der Kosmetik für straffe Haut sorgt, scheint bei diesem Nagetier eine entscheidende Rolle bei der Krebsprävention zu spielen. Sie macht das Gewebe extrem elastisch und verhindert unkontrolliertes Zellwachstum.

Doch selbst nach Jahrzehnten der Forschung bleibt eine Frage offen: Woran stirbt dieses Rätsel der Biologie eigentlich? Dr. Klaus Richter, ein führender Forscher am FLI, zuckt mit den Schultern: „Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht genau. Es gibt keine typische Todesursache. Eines Tages, nach 30 oder 40 Jahren, hört es einfach im Schlaf auf zu atmen. Sein Körper scheint nicht zu zerfallen, sondern einfach abgeschaltet zu werden.“

Vergleich: Nacktmull vs. Maus
Merkmal Nacktmull Maus
Maximale Lebenserwartung Über 37 Jahre Ca. 3 Jahre
Krebserkrankungen Extrem selten / praktisch nicht existent Häufig
Schmerzempfinden (Säure) Kein Schmerzempfinden Normales Schmerzempfinden
Soziale Struktur Eusozial (wie Bienen) Hierarchische Gruppen

Was bedeutet das für uns im Jahr 2026?

Die Erkenntnisse über dieses einzigartige Nagetier sind mehr als nur eine biologische Kuriosität. Sie eröffnen völlig neue Perspektiven für die menschliche Medizin. Wenn wir verstehen, wie dieser kleine Überlebenskünstler Krebs verhindert, könnten wir neue Therapien entwickeln. Wenn wir seinen Mechanismus zur Zellreparatur entschlüsseln, könnten wir den menschlichen Alterungsprozess verlangsamen.

Hoffnung für die Altersforschung

Gerade in einer Gesellschaft wie der deutschen, die mit den Herausforderungen einer alternden Bevölkerung konfrontiert ist, sind diese Forschungen von unschätzbarem Wert. Die Vision ist nicht unbedingt, das menschliche Leben unendlich zu verlängern, sondern die „Gesundheitsspanne“ zu erweitern – also die Jahre, die wir frei von chronischen Krankheiten verbringen. Der Nacktmull zeigt uns, dass dies biologisch möglich ist.

Natürlich ist der Weg von der Grundlagenforschung an einem Nagetier bis zur Anwendung am Menschen lang und komplex. Eine Pille für die ewige Jugend wird es auch 2026 nicht geben. Doch die Geheimnisse, die dieser Erdbewohner preisgibt, liefern die entscheidenden Puzzleteile für die Medizin der Zukunft. Jede Entdeckung bringt uns einen Schritt näher an ein Leben, in dem altersbedingte Krankheiten vielleicht eines Tages der Vergangenheit angehören.

Dieses unscheinbare Nagetier ist somit weit mehr als nur eine Laune der Natur. Es ist ein lebendiges Labor, ein Hoffnungsträger, der uns zeigt, dass die Grenzen der Biologie weitaus flexibler sind, als wir dachten. Die Arbeit der Forscher in Jena und weltweit ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um die Lektionen dieses faltigen Wunders zu lernen, bevor seine Geheimnisse für immer verborgen bleiben. Es erinnert uns daran, dass die Natur oft die genialsten Lösungen für die komplexesten Probleme bereithält.

Ist der Nacktmull wirklich unsterblich?

Nein, er ist nicht biologisch unsterblich. Er altert nur extrem langsam und stirbt schließlich, oft ohne erkennbare Krankheitsursache. Seine Sterblichkeitsrate steigt mit dem Alter nicht an, was ihn von fast allen anderen Säugetieren, einschließlich des Menschen, unterscheidet. Dieses Phänomen wird als „vernachlässigbare Seneszenz“ bezeichnet.

Wo kann man diese faszinierenden Nagetiere in Deutschland sehen?

Einige zoologische Gärten in Deutschland halten Nacktmulle und zeigen sie in speziellen Gehegen, die ihre unterirdischen Tunnelsysteme nachbilden. Der Zoologische Garten Berlin oder der Leipziger Zoo sind bekannte Orte, an denen Besucher die faszinierenden Kolonien dieser besonderen Nagetiere beobachten können und mehr über ihre einzigartige Lebensweise erfahren.

Warum spürt dieses Nagetier keinen Schmerz?

Die Schmerzunempfindlichkeit des Nacktmulls ist eine Anpassung an seine unterirdische Umgebung, in der eine hohe Konzentration an Kohlendioxid herrscht. Diese Umgebung würde bei anderen Tieren eine schmerzhafte Säureansammlung im Gewebe verursachen. Dem Nagetier fehlt eine bestimmte Substanz in seinen Nervenfasern (Substanz P), die für die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn entscheidend ist, was ihn gegenüber dieser Art von Schmerz unempfindlich macht.

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